meyn kop iz a shpilplats

eine Katze schreibt keine tausend Wörter, wenn sie sich selbst sucht, nope, sie putzt sich den Arsch

Die Bombe ist in der Kuh versteckt

„LSD, MDMA, THC, Keta und Co. endlich zur medizinischen Nutzung freigeben“, würde ich rufen, wenn der Sozialismus vor der Tür stünde. Das sind kräftige Substanzen, die das individuelle Erleben vieler Menschen – das Ertragen der bestehenden Gesellschaft – bis zu einem gewissen Grad erleichtern können. Freilich sind sie auch gefährlich, für die Psyche, für den Staat und die eine oder andere Industrie. Ein Gesundheitssystem, das den Bedürfnissen der Menschen und nicht dem Kapital diente, würde sich das sozialrevolutionäre Potential (die Möglichkeit einer Verbesserung auch des kollektiven Erlebens) mancher Stoffe genauer ansehen und womöglich aneignen. Dementsprechende Versuche bürgerlicher Staaten und ihrer Geheimdienste sind natürlich gescheitert – man staune: LSD ist kein Wahrheitsserum.

Heute werden diese Wirkstoffe von der medizinischen Forschung neu entdeckt. Dort hat man vor einigen Jahren alles auf Anfang gestellt und studiert die Kommunikation psychoaktiver Substanzen mit dem Gehirn immerhin vorurteilsfrei (aber nicht ohne Financier). Die Psycholytische Therapie verspricht Linderung bei schwierigen Fällen von PTSD und Depression, Sucht (!), Anxiety und Morbus Crohn. Und dann ist da noch der Konsum als Freizeitaktivität (meist gesunder Menschen). Auch hier ist Entwarnung angesagt: Der Drogenverzehr ist vermutlich ein Hobby so alt wie die Menschheit selbst.

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Das einzige Drogenproblem unserer Gesellschaft:
Gutes Zeug ist schwer zu kriegen

Die nun (mal wieder) angekündigte Jagd auf Dealer*innen und Schenkende, das neue Gesetz, spiegelt die politische Ahnungslosigkeit des österreichischen Parlaments doppelt wider:

  1. „Amerikanische Verhältnisse“ in unseren Gefängnissen möchte man vorhersagen und vergisst dabei, dass die europäische Tradition der Law & Order-Politik ohnehin zu keiner Zeit der repressiven und rassistischen US-Gesetzgebung um irgendwas nachstand. Dennoch wäre der österreichischen Regierung ein kurzer Blick auf die vielfach dokumentierten Auswirkungen solch einer Polizeipraxis empfohlen: die Einschaltung der Justiz bei kleineren Drogendeals, der Strafvollzug als Mittel sozialer, rassistischer Selektion – das löst kein Kriminalitäts- oder Drogenproblem, schafft aber ein Gefängnisproblem. Und es betrifft so viele Menschen, die nichts Böses im Schilde führen, nur einen falschen Pass oder die falsche Haut herumtragen. Also, lernen S’ mal a bisserl Geschichte, Herr Bundeskanzler. Oder besser: Lasst uns die Geschichte aufheben, liebe Genoss*innen, lasst uns dem Faschismus, dem Staat und ihrer Propaganda etwas entgegenstellen.
  2. Wien ist eine der sichersten Großstädte der Welt. Die breitgetretenen Ereignisse am Brunnenmarkt, am Praterstern und in der… *schluck*
    U6, das sind ganz normale Symptome einer Ökonomie, die massenhaft Ausgestoßene produziert, denen die Teilhabe am Reichtum verweigert ist. Manche von ihnen werden gewalttätig, das kommt leider vor, so wie es auch gewaltige Arschlöcher unter den Vorstandschefs und Tankstellenkassierer*innen gibt. Österreich ist eines der sichersten Länder der Welt. Diese Fixierung des Parlaments auf Sicherheits- und Arbeitsmarktpolitik ist zutiefst fahrlässig, in einem Land mit einer winzigen Arbeitslosenrate und einer minimalen Terrorismusgefahr, die nur von einer Seite, nämlich der der Faschist*innen virulent ist.

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Das Problem heißt Rassismus

Man möchte sie schütteln, die Grünen und die Sozen wenigstens, wie sie da im Fernsehen stehen und betonen, „jetzt mal über die wichtigen Dinge zu reden“ – New Deal, New Stil – und nicht ein Wort darüber verlieren, wo der Ernst der Lage wirklich liegt, was am Ende des Tages bei diesen „neuen Formen der Zusammenarbeit“ rauskommen wird. Die Freiheitlichen, wie sie jetzt immer öfter wieder genannt wird, diese selbstverliebte Karikatur einer bürgerlich-elitären Partei, predigt einen demokratischen Faschismus, eine gemäßigte Diktatur vielleicht, bitteschön, auf jeden Fall einen Kampf gegen Eindringlinge, die Schutzsuchende sind. Die FPÖ hat mittlerweile viele bekannte Gesichter, beliebte, größenwahnsinnige Gesichter, während die anderen Parteien fast alle ihre Gesichter verloren haben. Die Identitären mausern sich zu einer quasi-paramilitärischen Vorfeldorganisation, ihr Aktivismus ist bisher weitgehend symbolisch, aber gerade darin nicht zu unterschätzen. Die Rechtsradikalen sind breit aufgestellt. Für den Funken reicht dann eine Jungbauernbande mit Benzinkanister, Kameraden aus der RFJ, oder ein vereinsamter Mann mit einem zerbrechlichen Ego und Mama-Komplex. Das österreichische Dorf als Keimzelle des demokratischen Faschismus.

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Österreich wird Meister

Im Feuilleton wurde ein „Kalter Bürgerkrieg“ herbeigeredet, die Intellektuellen und das Parlament sorgen sich um eine Spaltung des Volkes, um einen Riss in dieser vielgerühmten, vielgeschmähten Nation, die erst seit wenigen Jahrzehnten eine sein möchte. Man solle doch Kaffee trinken gehen mit den Rechtsopportunist*innen oder wenigstens gemeinsam die Fußballmannschaft anfeuern. Und am besten stelle man gleich zu Beginn der Diskussion fest, dass das Gegenüber natürlich kein*e Rassist*in sei, dass man die Sorgen verstehe und so weiter.

Nein Österreich, ich verstehe deine Sorgen nicht. Die Geflüchteten nehmen euch nichts weg, es sind eure Vorgesetzten, die euch ein Stück Brot geben und die Bäckerei behalten. Meine Solidarität gilt nicht den vermeintlich fehlgeleiteten Wähler*innen von Hofer, mit ihren angeblichen Abstiegsängsten, sie haben nur Verachtung verdient. Weil sie es besser wissen müssen. Das Dritte Lager ist nicht und war nie die Avantgarde des Proletariats, sondern die hässliche Speerspitze der europäischen Reaktion und inzwischen ein Vorbild für die völkisch-nationalistischen Kräfte der westlichen Welt. Unterschätzte nie den Opportunismus diffus unzufriedener Österreicher*innen, deren Unzufriedenheit sich jemand annimmt. Wenn die FPÖ schon durch abgewetzte Phrasen und Narrative diesen Zuspruch generiert, da mag man sich nicht vorstellen, was passiert, wenn mal wirklich was passiert.

Seit zehn Jahren rede ich mir ein, der „Rechtsruck“ in Europa wäre nur das letzte Aufbegehren der Kleinstaaterei gegen die unvermeidliche Globalisierung des Denkens, der Kultur und der Politik. Aber es ist mehr als das: unter dem Vorwand einer zu bewahrenden Leitkultur wird ein Kampf inszeniert, wird Europa eine zivilisatorische Überlegenheit unterstellt, und eine Abschottung zur Bewahrung dieser Spielart der Demokratie forciert. Bedroht sind aber in Wahrheit nicht die kulturellen Errungenschaften – der Fortschritt ist auf Dauer nicht aufzuhalten – sondern nur das imperialistische Wesen dieser Demokratie und die weiße Hautfarbe der europäischen Mehrheitsgesellschaft im Jahre 2100. Eigentlich ein Grund zu feiern, für alle denen der Weltfrieden mehr am Herzen liegt als das Ariertum.

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Europa, lösch dich

Von einer absoluten Vorherrschaft europäischer Mächte in der ganzen Welt wagen nur die hartgesottensten Nazis noch zu träumen, die demokratischen Faschist*innen Österreichs geben sich bescheiden. In den Dörfern, Klein- und Vorstädten dieses Landes liest man die Kronen Zeitung und ärgert sich, dass Dinge passieren. Man schaltet den Fernseher ein und ärgert sich, weil man von all dem nichts sehen will. Man tratscht mit Nachbar*innen über Nachbar*innen und Politik und einigt sich, dass alles sehr schlimm ist. Und dann ist da wieder eine Nachricht, dass irgendwelche Flüchtlinge über irgendeine Grenze wollen und dass sie womöglich irgendwie in irgendein Lager irgendwo in Österreich kommen könnten und man sagt sich: Das hätte es unterm Haider/Hitler/Dollfuß nicht gegeben. Das würde es unter… Ihr werdet schon noch… Da wird man ja wohl noch schießen dürfen.

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Ich habe Angst davor, was schon alles sag- und machbar ist

Hofer hat nun also die Wahl knapp verloren, aber Strache hat sie gewonnen. Die Unmöglichkeit bei dieser Wahl einen Kompromiss zu finden hat eine höchst anstrengende Staatskrise ausgelöst, macht aber beileibe noch keinen Bürgerkrieg, der wird nicht im ORF-Wahlstudio vorbereitet, sondern bei den Wehrsportübungen der Rechtsextremen und in den Waffenklubs von Polizist*innen und Bürger*innen. Nicht zuletzt lag die Zuspitzung auf zwei vermeintliche Pole im Wesen des Wahlspektakels und -verfahrens begründet. Was in reaktionären Zeiten wie diesen daraus folgt: Der einst belächelte Regierungsanspruch der FPÖ wird langsam ohrenbetäubend laut. Ich sehe den Propagandaminister in spe, Herbert Kickl, die höchste Nase westlich der Donau, bei der allzu bald kommenden Wahl schon plakatieren: „Lasst Strache und sein Team endlich arbeiten!“ oder: „Mag. Gudenus – ein echter Österreicher“ und damit sei alles gesagt. Irgendwas bemüht staatsmännisches jedenfalls und Österreich…

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Die Bombe ist in der Kuh versteckt. Die Bombe, die dich töten wird, ist das Dorf, das Gerücht, die Kleinstadt und der Tratsch. Die, die es eh schon immer gewusst haben wollen. Nur einen Steinwurf vom Katzensprung entfernt. Verstehst du mich? Die Bombe ist Stolz und Fleiß und Ehrgeiz, sie ist die Pflicht zum Grüß Gott, Bitt’schen und Baba. Das Fußballtrikot, das Eintrittsticket, das Bierzelt, der Plakatständer. Der Hass, der Neid, der Tellerrand, die Zeitung. Die Stammtischrunde, die Seniorenschwimmstunde, die Blaskapelle, das Benzin.

Du warst in einer Schule als es passiert ist.
Die Bombe war in der Kuh versteckt.

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Beobachtungen VI

Ich wache auf und stelle fest, die Eiernockerl schmecken immer noch wie Eiernockerl. Aber der Salat schmeckt anders, irgendwas ist anders, so war er früher nicht abgemacht! Die Tomatenscheibe bleibt über, wie beim letzten Mal, aber der Salat schmeckt nicht wie beim letzten Mal, sondern anders. Der Preis ist immer noch derselbe, aber ich werde diesmal mit Bankomatkarte bezahlen und der Salat schmeckt anders! So war das nicht abgemacht! Statt Cola trinke ich heute Apfelsaft mit Leitungswasser, das hat sich auch geändert, während der Cappuccino mit Sojamilch ein Cappuccino mit Sojamilch bleibt. Zweieinhalb Löffel Zucker.

So weit, so süß.

Fünf Meter entfernt sitzt ein Mann, der einem meiner lieben Freunde ähnelt. Freilich ist er weniger attraktiv und gestikuliert viel zu aufgeregt, was mich beinahe dazu bewegt hätte, aufzustehen und ihn zu bitten sich woanders hinzusetzen. Wenn er meinen lieben Freund schon imitieren muss, dann soll er sich wenigstens auch seinen diskret aparten Habitus aneignen. Er ist außerdem klar über 25 und hat genau die Langhaarfrisur, die mein Freund mit 17 hatte, das geht doch nicht. Er hat noch ein Bier bestellt. Ich muss den Apfelsaft austrinken und zahlen. Kann ich nicht. Bankomatkartenzahlung erst ab 20 Euro. Aber ich könnte meine Jacke dalassen, sagt der Kellner, und was abheben gehen. Will ich nicht. Ich bestelle noch einen Cappuccino, man gönnt sich ja sonst auch hin und wieder was, und runde auf. Ein zweiter Cappuccino, wie abenteuerlich! Als einzige Konstante sind nun also die Eiernockerl geblieben. Und vielleicht die Tomatenscheibe. Der Mann der da meinem Freund ähnlich sieht, gestikuliert wieder und ich höre ihn zum ersten Mal sprechen. Er hat einen nicht-wienerischen Dialekt, aber affektiert, nicht so lässig wie der meines lieben Freundes. Meine Gefäße verengen sich. Ich muss den Cappuccino austrinken und zahlen.

So weit, so saftig.

Zuhause werde ich Splatoon spielen, den Turm ins Ziel bringen oder daran scheitern. Das gegnerische Team davon abhalten oder daran scheitern. Hauptsache Tinte. Hauptsache ich schreibe wieder, nachdem ich vor ein paar Wochen bei meinem eigentlichen Herzensprojekt, es ist eine Novelle oder irgendwas ähnliches, in eine Sackgasse geraten bin. Von der Liebe wollte ich im fünften Versuch erzählen und von meiner größten Leidenschaft, der Revolution. Dann bin ich draufgekommen, dass ich von beidem keine Ahnung habe, dass ich beides viel zu viel gedacht, noch viel zu wenig erlebt hatte. Aber das Schöne an diesem Projekt ist, dass ich mir ganz einfach eine Leiter zimmern könnte oder – noch besser – ein Trampolin, wieso habe ich das vergessen? Umdrehen ist keine Option, aber drüber hüpfen und Neues entdecken, die Angst davor wurde mir genommen, vielleicht vom zweiten Cappuccino oder vom allzu anders abgemachten Salat. Und wer weiß, wenn da hinter der Mauer eine Tomatenscheibe lauert, vielleicht esse ich die auch noch. Aber eher nicht.

So weit, so sprunghaft.

Den fünften Teil dieser Beobachtungen kann ich erst veröffentlichen, wenn der letzte Faschist unter der Erde liegt. Wir brauchen einen langen Atem, liebe Genoss*innen, das habt ihr bestimmt schon bemerkt. Und dafür wird Kiffen als Übung leider nicht genügen, denn die Reaktion schläft nicht, die schluckt Panzerschokolade und schläft keine Sekunde lang. Bis alles brennt, bestimmt wird bald alles brennen. Aber habt nicht zu viel Angst, okay?
Wir sind Enten, liebe Genoss*innen, wir warten in unserem Teich. Bis die Prophetin kommt, bestimmt wird bald eine Prophetin kommen. Mit einer Parole, die antritt, alle Parolen zu beseitigen, denn:

Klick <=> Quak

Halbwahrheiten

Ich will nicht gestreichelt werden
ich zwinkere einer Katze zu.

Ich will keine Persönlichkeit haben
ich bin eine weiße Wand.

Ich will nicht verstanden werden
ich verstehe nicht.

Ich will keine Follower haben
ich laufe im Kreis.

Ich will nicht gehört, gesehen, gelesen werden
ich werfe einen Schatten.

Ich will kein Gesprächsthema sein
ich rede absichtlich nur über mich.

Ich will nicht explodieren
ich löse mich auf.

Ich will alleine sein
ich vermisse nichts.

Beobachtungen IV

Ich wache auf und stelle fest, ich lebe in diesem Moment. Es ist mir die größte Schwierigkeit, wahrheitsgetreu über die Gegenwart zu sprechen, weil oft erst in der Aussprache die Fehler der akuten Wahrnehmung offensichtlich werden. Viel einfacher ist es, über Vergangenes zu sprechen, wenn man die Fehler bereits mitdenkt und sich ein Gesamtzusammenhang erschließt. Das Problem ist, dass Momente nicht erzählt werden können bevor sie geschehen sind; dass man sich aber auch nicht wahrhaftig an sie erinnern kann, wenn sie vorüber sind. Im Nachhinein verkommen Momente immer zu verzerrten Bildern oder illustrierten Anekdoten – was wir im Gedächtnis behalten sind bestenfalls verstümmelte Momente. Sie scheinen aber doch ein sehr natürliches Maß der Zeitwahrnehmung zu sein, ein ganzes Leben lang reihen sich belanglose und bedeutungsschwere Momente aneinander und dieses Rätsel der Augenblicklichkeit lädt ein, entschlüsselt zu werden. Klar ist bislang – und das ist wichtig zu verstehen –, dass ein Momentum für sich keine taugliche Zeiteinheit und auch kein Zeitpunkt ist, sondern eine Bewegung, ein movement. Eine Welle, wenn du so willst. Und Zeit wiederum ist kein Fluss, sondern ein Ozean.

So weit, so schwimmbeflügelt.

Ich schreibe. Aus Buchstaben werden Wörter, aus Wörtern werden Sätze, aus Sätzen wird Verständnis. Ich schreibe. Mehr Präsens geht nicht. Ich rauche, das könnte ich auch schreiben, aber das wäre schon wieder fehlerhaft, weil die Zigarette im Aschenbecher ruht während ich wirklich tatsächlich schreibe. Aber doch, ja, ich rauche. Darf ich das im Nachhinein so formulieren? Darf ich überhaupt irgendwas nicht? Ich stand auf und trinke einen Schluck Wasser, währenddessen lief die Katze über die Tastatur und hinterlässt mir entweder zwei Ziffern oder eine Zahl: 23. Jetzt knetet sie meinen rechten Oberschenkel und schnurrt. Ich bin müde. Mehr Präsens geht nicht. Der Himmel ist grau, das Wetter regnerisch. Ich war in der letzten Zeit selten auf der Terrasse. Irgendwie erwächst aus diesen Sätzen kein Verständnis wie ich das versprach, so aneinandergereiht ergeben sie keinen übergeordneten Sinnzusammenhang. Darf ich Sinnloses schreiben? Darf ich überhaupt irgendwas nicht?

Es geht mir gut. Mehr Präsens geht nicht.

Ich kann nicht nichts schreiben. Aber die Form, die ich für diese Blogs gewählt habe, passt mir gerade nicht. Hier sollte eine Geschichte stehen, ein Erlebnis aus meinem Alltag, glaubwürdig fiktionalisiert und auf den Punkt gebracht. Über das Schreiben zu schreiben, das wollte ich vermeiden. Da werden Dinge auf die Bewusstseinsebene geholt, die dort nichts verloren haben. Und diese Selbstbezüglichkeit fängt irgendwann an, sich im Kreis zu drehen, ungefähr jetzt, das wird dann eher langweilig. Aber ich brauch das, manchmal brauche ich eine Pause, da dreh ich mich dann eben kurz im Kreis und hoffe, mit dem Gesicht in die richtige Richtung gerichtet stehen zu bleiben. Außerdem will ich manches Beobachtete nicht protokollieren, nicht hier, nicht öffentlich. Das behalte ich mir vor. So drehen wir uns also gemeinsam im Kreis und hoffen, mit den Gesichtern nach vorne, also in die richtigen, entgegengesetzten Richtungen gerichtet stehen zu bleiben.

So weit, so schwindlig.

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Beobachtungen III

Ich wache auf und stelle fest, es gibt eine Realität. Das ist mehr als eine halbe, weniger als zwei und ganz sicher gibt es nicht sieben Milliarden verschiedene. Wirklichkeit ist, was ich unmittelbar wahrnehmen kann oder könnte; sie wird aber nicht erst dadurch konstituiert. Ein Baum ist ein Baum, ob ich ihn nun als solchen erkenne und benenne hat auf das Baum-sein an sich keinen Einfluss, wohl aber hat es Einfluss auf mein Verhältnis zu ihm. Wenn er umfällt, macht es ein Geräusch, auch wenn es niemand hört. Wenn ich unter ihm stehe, während er umfällt, ist es mir egal, ob es ein Baum ist und ob es ein Geräusch macht; weniger egal ist mir, in welchem Verhältnis ich zu ihm stehe oder konkret: ob ich ungefähr dort stehe, wo er hinfällt.

So weit, so Kopfschmerzen.

Mein Körper arbeitet sich durch die Symptome oder die Symptome arbeiten sich durch meinen Körper. Fieber am Dienstag, Übelkeit am Mittwoch, Schluckbeschwerden am Donnerstag, Husten am Freitag, Schnupfen am Samstag. Mefenaminsäure wurde mir verschrieben und die nehme ich jetzt. Ebenfalls nicht in Deutschland zugelassen ist mein Nasenspray und die große Frage des Tages ist, wie unvernünftig ich bin und ob ich mir ein Zehntel vom Inhalt des Fläschchens auf Zucker tröpfeln und schlucken werde, um das Ephedrin darin auszuskosten. Vernünftig wäre es, vorher den Beipackzettel zu lesen und darin steht, dass man das Spray auf keinen Fall so einnehmen sollte. Ich schaffe es beim ersten Versuch, den Beipackzettel richtig zusammenzufalten. Manchmal bin ich sehr vernünftig, aber meistens finde ich das langweilig und manchmal bin ich sehr unvernünftig und meistens ist das auch langweilig. Heute bin ich langweilig.

So weit, so Herzrasen.

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Beobachtungen II

Ich wache auf und stelle fest, hier herrscht immer noch Meinungsfreiheit. Aber wie kann die überhaupt herrschen und was heißt da „immer noch“? Ob dir diese Freiheit der Meinung irgendjemand wegnehmen könnte? Und darf es eigentlich eine Freiheit von Meinung geben? Ich kann dir zwar widersprechen, nicht wahr, aber deine Meinung, die lässt du dir nicht nehmen, stimmt’s, im Notfall behältst du sie einfach für dich, würde dir zum Beispiel irgendjemand Gewalt androhen. Aber Gedankenfreiheit, die ist uns ohnehin angeboren, die braucht gar nicht zu herrschen; hingegen heißt Meinungs- auch Redefreiheit. Niemand hat das Recht, dir deine Rede zu untersagen, aber irgendjemand hat wohl das Recht, dir deine Rede zu erlauben. Niemand hat das Recht, dir Gewalt anzutun, aber irgendjemand hat wohl das Recht, Gewalt ins Recht zu setzen.

Vielleicht herrschen gar keine Freiheiten, sondern Regime, Regierungen genannt, wenn ich ihre Legitimität ohne Zweifel wissen will. Wahrscheinlich hört meine Freiheit auf, wo ich keine bloße Meinung mehr habe, sondern Widerspruch. Und ganz sicher hört mein Recht auf körperliche Unversehrtheit auf, wo ich keinen Widerspruch alleine, sondern auch die Notwendigkeit einer Intervention feststelle.

So weit, so demokratisch.

Kopfschütteln, ausweichen, kopfschütteln, böse und ängstliche Blicke austauschen, kopfschütteln, umdrehen. Ein Feuerzeug kann ich schon brauchen. Und weil ich mir ganz ein bisschen blöd vorkomme, lasse ich mir auch die Zeitung geben, deren Logo auf das Feuerzeug gedruckt ist und die nie jemand lesen wird. Auf das Gelegenheitsangebot eines Abonnements zum halben Preis sage ich: „Überleg’s mir noch“. Den Hörsaal finde ich fast ohne Umwege, die Vorlesung fasse ich beinahe interessiert am Notebook zusammen und ich fühle mich nach dem abschließenden Tischeklopfen kaum dümmer als vorher. Was ein Paradigma ist, wurde uns erklärt, was ein Paradigma im theoriegeschichtlichen Kontext ist, wurde uns auch erklärt und was das mit dem Thema der Vorlesung zu tun hat, das wurde dann auch irgendwann klar.

So weit, so akademisch.

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Beobachtungen I

Beobachten und protokollieren. Ich wache auf und stelle fest, ich bin am Leben. Ich existiere und das ist alltäglich, im wahrsten Sinne des Wortes selbstverständlich, aber bemerkenswert. Es kann als gesichertes Wissen angenommen werden, weil sonst nichts von Bedeutung wäre. Und weil die schiere Existenz eines Menschen, der sie noch dazu beweisen und reflektieren kann, so unendlich unwahrscheinlich ist, müsste eigentlich die plötzliche Geistesgegenwärtigkeit dieser Tatsache ihre Selbstverständlichkeit aufheben. Tut sie aber nicht. Wer fragt, ob wir sind, wird immer recht bekommen. Wer aber fragt, warum wir sind, wird zunächst tausende Jahre Philosophiegeschichte studieren und schließlich nicht überprüfbare Thesen aufstellen. Und wer speziell fragt, welche Bedingungen das organische Leben voraussetzt, wird in den Naturwissenschaften zahlreiche spezielle Antworten finden und schließlich neue Fragen aufwerfen oder auf die allgemeinen zurückgeworfen.

So weit, so existent.

„Well, fuck“, sage ich mit Blick auf die Uhrzeit halblaut, halbschlafend und mühe mich 90 Minuten später als vorgehabt aus dem Bett. Der kurze, aber langsame Weg zur Dusche gibt mir Zeit, darüber zu sinnieren, wieso ich für die ersten Wörter an diesem Morgen meine Zweitsprache Englisch gewählt habe. Why not. Ich habe mich vor acht Stunden schlafen gelegt und dabei bemerkt, ich werde nicht ausschlafen können, dann schlief ich ein und als der Wecker losging wollte ich weiterschlafen, um noch ein bisschen zu träumen, sodass ich letzthin verschlafen habe. Irgendwas ist immer. Zur Universität muss ich fahren und klären, warum ich mich für manche Seminare nicht anmelden kann, obwohl ich denke, die Voraussetzungen erfüllt zu haben. Nein, habe ich nicht, stellt sich heraus, aber das ist kein Problem, ich solle schlicht im November diese eine Prüfung absolvieren und bis dahin Numismatik belegen, scherzt die hilfsbereite Studienberaterin.

So weit, so müde.

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Am Donaukanal

einer dieser Tage
an denen nichts passiert
alles wie immer, nichts wie heute
die Ameisen bauen eine Straße
mit klarem Auftrag ziellos über die Felsen
und ich frag dumm, wohin sie führt

einer dieser Menschen
die alle beeindrucken wollen
indem sie unbeeindruckt durchs Leben gehen
plötzlich hüpft eine Ratte neben mich, verweilt
verdutzt, rennt zwischen meinen Füßen ins Gebüsch
und ich falle beinahe ins Wasser

eines dieser Tiere
die vor lauter Angst nicht bemerken
dass sich alle anderen genauso fürchten
Ameisen, Ratten, hört ihr mich, Menschen
von Sorgen lässt sich niemand aufhalten
und alle halten sich auf

es wird finster
und trotz aller Vorbereitung
hatte ich nicht daran gedacht
irgendein Licht mitzubringen
man wird schon für mich leuchten
denke ich, hatte ich wohl gedacht
und kann bald meine eigenen
Gedanken nicht mehr lesen

oh wie schade
die Welt dreht sich weiter
nur ich bin stehen geblieben
und falle hinten raus

zwei falsches Wort, das alles zerstört
bevor der Satz angefangen noch hat
so denke ich, als wär er schon vorbei
dabei ist doch allen klar, oder nicht
dass Geschichten keinen Anfang
und kein Ende haben, wenn sie gut sind
und dass im Lichte der Zerstörung
das Ganze nur viel deutlicher wird

oh wie schade
ich will verbrannte Erde hinterlassen
und am Ende
brenne nur ich

Deine Unterschrift um das Massensterben im Mittelmeer zu stoppen!

Die Zeit hat wohl noch jede*r. Petition gegen das Massensterben im Mittelmeer.

Klar, so viel Zeit muss sein. Eine Unterschrift machen, ein Zeichen setzen. Um das Massensterben im Mittelmeer zu stoppen. Okay, so schnell wird’s dann auch nicht gehen und die Ursachen wegen denen so viele Menschen aus ihren Städten, Ländern, Kontinenten flüchten müssen, die bleiben bestehen, aber wenigstens das Gewissen ist beruhigt. Ein Appell an die Regierung ist das, die soll grade biegen, was sie verbrochen hat. Die soll einsehen, dass es doch in Wahrheit Unrecht ist, was sie als Recht gewaltsam durchsetzt. Komisch, dass die EU selber noch nicht draufgekommen ist, wie jedes Jahr tausende Menschen an ihren Außengrenzen sterben. Gut, dass das in den letzten Wochen bekannt wurde. Jetzt können die Verantwortlichen endlich was dagegen unternehmen.

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Freiheit in der kapitalistischen Demokratie und nationale Sicherheit

„Die Menschen haben den Begriff der Freiheit so manipuliert, daß er schließlich auf das Recht des Stärkeren und Reicheren herausläuft, dem Schwächeren und Ärmeren das wenige abzunehmen, was er noch hat. […] es gibt keine Freiheit, solange ein jedes Ding seinen Preis hat“[1]

Unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ versammeln sich seit 2006 in diversen europäi­schen Städten jährlich tausende Menschen, um auf die Gefahr eines „ausufernden Überwa­chungswahn[s]“ aufmerksam zu machen.[2] Wahnhaft ist an Überwachung allerdings nichts, die Maßnahmen haben stets Maß und Ziel, Kosten und Nutzen werden genau kalkuliert. Weshalb „Freiheit“ und „Angst“ überhaupt ein Gegensatzpaar darstellen soll, wird nicht näher erläutert. Die Angst vor Terrorismus und Kriminalität wird zwar tatsächlich benützt, um Überwachungsmaßnahmen zu rechtfertigen, doch steht diese Angst in keinem Gegensatz zur bürgerlichen Freiheit und derart Populismus, das Spiel mit den Gefühlen der Wähler*innen, ist seit vielen Jahrzehnten Realität in parlamentarischen Demokratien und dabei längst nicht auf den hier behandelten Themenkomplex beschränkt. Dies mag kritikwürdig sein, sollte je­doch als Bestandteil von und nicht als Widerspruch zur real existierenden Demokratie begrif­fen werden.

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